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Die letzte Rede: Was wir von Michael Spindelegger lernen

Die letzte Rede

Warum dürfen immer nur die letzten Auftritte die besten sein? Ein Plädoyer für mehr Mut und mehr Fairness.

Es sollte uns schon zu denken geben, dass Politiker in unserem Land dann die beste Rede halten, wenn sie zurücktreten. Erinnern wir uns zurück an den 13. April 2011: Josef Pröll tritt aus gesundheitlichen Gründen aus seinen Ämtern zurück. Und endlich haben wir wieder das erlebt, was ihn in seinen frühen Zeiten als Politiker ausgezeichnet hat. Seine lockere, unverkrampfte, begeisternde Art zu reden. In seinem Fall weiß ich persönlich, dass dies eigentlich seinem Naturell entspricht. Dazwischen haben die Mühlen der Politik das gemacht, was fast allen Politikern passiert – sie haben ihm seine Menschlichkeit genommen. Und jetzt: Der komplette Rückzug eines amtierenden Vizekanzlers, Parteiobmanns und Finanzministers, Michael Spindelegger. Und wieder ein ähnliches Bild. Was alle von Politikern einfordern, nämlich am zu Punkt sein, authentisch und ja – gerne auch emotional: plötzlich ist alles da. In der allerletzten Rede.

Die Macht der letzten Rede

Wenn diese Menschen das gar nicht könnten – dann würde es auch in der letzten Rede nicht funktionieren. Es war verschüttet. Dies bestärkt meine These und tiefe Überzeugung: In den meisten von uns leben sehr gute Redner, weil in den meisten von uns Begeisterung, Wille und Emotion herrschen. Was aber bei einer öffentlichen Rede passiert, potenziert sich in der Politik: Die beherrschenden Stimmen, die Verbote, die Begehrlichkeiten werden so bestimmend, dass die eigene Person und damit auch die Performance flöten gehen. Ich kenne einige Politiker, die im normalen Gespräch großartige Menschen sind und vor einer Kamera oder hinter dem Rednerpult zu Marionetten und Schatten ihrer selbst werden. Sie wechseln in ihren Automatikmodus und verlieren jegliche Sympathiepunkte.

Weg mit den Beschränkungen!

Was können Sie daraus lernen? Unendlich viel. Ich habe an anderer Stelle hier schon als Methode die „Grabrede“ vorgestellt – stellen Sie sich das ganze nicht so krass vor. Stellen Sie sich vor, Sie würden heute Ihre Ämter zurücklegen und ein letztes Mal noch das sagen, was Ihnen wirklich wichtig ist. Sie würden auf alles, was man Ihnen eingetrichtert hat und wo man an Ihnen herumgedoktert hat einfach sein lassen und die Dinge so sagen, wie Sie möchten. Wie befreit wären Sie? Und nehmen Sie ein Stück dieser Freiheit mit in Ihre nächste Performance. Wir blockieren uns in unserem täglichen Leben und so auch in unserem Reden mit unzähligen Glaubenssätzen, Regeln und Diplomatie. Kein Wunder, dass so vieles so fad ist – es ist von Kontrolle und Angst durchzogen.

Was Du nicht willst, dass man Dir tut…

Und mir liegt noch etwas zu diesem Thema am Herzen: Die Art, wie wir über andere urteilen ist sehr oft die Art, wie wir – unbewusst – über uns selbst urteilen. Politiker sind zum Freiwild geworden. Jeder noch so miese Redner doziert darüber, was nicht alles an einem Auftritt besser sein könnte. Da dürfen wir uns nicht wundern, wenn die klugen Köpfe lieber in die Wirtschaft gehen. Stellen Sie sich vor, jemand würde – egal wie Sie dreinschauen – an allem, aber wirklich an allem etwas auszusetzen haben. Ihr Automechaniker erklärt Ihnen, wie unauthentisch Sie heute wieder waren. Ihr Friseur bemängelt die fehlende Emotion. Und wenn Sie einmal auf den Tisch hauen, sagt der Kellner: „Na, übertrainiert?“. Letztlich kommt all diese Kritik aber auf uns selbst zurück. Denn irgendwann stehen wir auf der Bühne und dann wollen wir alle diese Maßstäbe an uns selbst anlegen. Schluss damit! Dieser Apell geht an die Stammtische, die selbsternannten Experten und die Journalisten, wir können uns alle an der Nase nehmen. Geben wir einander wieder eine Chance und mehr Fairness – ich bin überzeugt, dass alle Redner sich wieder mehr trauen würden. Und was Ihren nächsten Auftritt betrifft: Geben Sie sich nicht damit zufrieden, dass Ihr letzte Rede Ihr beste wird. Machen Sie jede Rede zu Ihrer besten.

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