Authentisch sein – Fluch oder Segen?

Rein vom Wortsinn her heißt „authentisch sein“ schlichtweg „echt sein“. Wenn wir über die Echtheit einer alten Münze sprechen, ist die Sache relativ einfach – man wird Untersuchungen anstellen und der Münze ihre Echtheit, also dass sie z.B. tatsächlich aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert stammt, zuschreiben. Aber wie wollen wir die Echtheit eines Menschen überprüfen? Erst recht, wenn wir diesen nur wenige Minuten auf einer Bühne erleben?

Authentisch sein vs. Authentisch wirken

Das wird meines Erachtens meist verwechselt: Wenn wir im Kino sitzen und mit großartigen Schauspielern mitleiden und sogar -weinen, weil sie weinen – dann wirkt der Schauspieler in diesem Augenblick für uns authentisch. Wir haben sogar den unausgesprochenen Vertrag geschlossen, die Tatsache zu ignorieren, dass er nur spielt. Authentisch sein bedeutet, dass sein Schmerz, seine Freude, seine Liebe echt wirken. Es wird also die Inszenierung verborgen!

Ich habe unlängst eine Theaterstück von jungen Laien erlebt – hier wird offensichtlich, warum Schauspiel ein schwerer Beruf ist, den man erlernen muss: Man sieht in jeder Sekunde, dass hier inszeniert wird. Und genau das passiert uns, wenn beim Interview, bei der Rede die Inszenierung spürbar wird. Die Zuseher rufen uns gewissermaßen zu: „Mach doch nicht so ein Theater!

Seien Sie ganz Sie selbst! Oder doch nicht?

Der Marketingschluss aus diesem und anderen Umständen war für die Trainerszene logisch: Die Menschen hassen es, wenn Inszenierung spürbar wird. Die Trainees haben sowieso immer weniger Zeit und Mittel, sich zu ändern. „Authentisch sein!“ wird daher als die neue Zauberformel ausgerufen. Wir meinen und transportieren damit aber: „Sei ganz Du selbst!“.

Doch dieser Ruf entstand aus der Hilflosigkeit überforderter Trainer (denn jemanden einfach machen lassen, braucht nicht viel Methodik) und aus der Faulheit vieler Trainees (denn einfach sein wie man ist, klingt nach wenig Arbeit – und alle werden mich lieben).

Die Wahrheit Teil 1: Wachse!

Denken wir das ganze einen Schritt weiter: Wenn ein Langeweiler „einfach wie er ist” auf das Podium geht – dann werden die Zuseher einen Langeweiler auf einem Podium sehen. Wenn ein Macho von CEO „einfach ganz als er selbst“ eine Rede halten wird. Dann werden alle Mitarbeiter einen Macho auf einer Bühne erleben.

Die Sozialpsychologen Michael Kernis und Brian Goldman haben festgestellt, dass es zum “Authentisch sein” vier Kriterien braucht, damit man sich selbst auch authentisch erlebt.

1. Bewusstsein
2. Ehrlichkeit
3. Konsequenz
4. Aufrichtigkeit
(Ausführlichen Artikel “Authentizität” lesen)
Der spannendste Satz hier lautet: „Ein authentischer Mensch kennt seine Stärken und Schwächen ebenso wie seine Gefühle und Motive für bestimmte Verhaltensweisen. Erst durch diese Selbstreflexion ist er in der Lage, sein Handeln bewusst zu erleben und zu beeinflussen.“
Wie so oft, ist also auch bei diesem Thema die Bereitschaft zu lernen, sich zu reflektieren und dadurch zu wachsen das Um und Auf.
Damit sind wir auch schon bei Teil 2.

Die Wahrheit Teil 2: Wähle!

In der jahrtausendalten Lehre der Rhetorik, in abertausenden Büchern finden Sie alle Regeln, die Menschen je zum Thema „wirkungsvolles Sprechen“ aufgestellt haben. Einige davon funktionieren nachweislich – das werden Sie spüren, wenn Sie ausgezeichneten Rednern zuhören. Mir ist wichtig, dass man diese Regeln:
1. kennt
2. für sich abtestet, ob sie passend sind und dann
3. die bewusste Entscheidung für oder gegen eine Regel trifft.
Tatsächlich gibt es unendlich fade Redner, die aber dermaßen brillante, packende Inhalte haben, dass man ihnen liebend gerne zuhört. Wenn dieser Redner, diesen Entschluss bewusst fasst – dann ist das für mich völlig OK. Denn jemand, der alle Regeln befolgt (vor allem die, die seiner Überzeugung widersprechen) wirkt wie ein Roboter. Wer aber alle Regeln ignoriert, weil er sie nicht kennt und nur auf sich vertraut, wird ebenso nicht authentisch sein und keinen Erfolg haben.

Selbstreflexion

Es ist also eine Frage der bewussten Entscheidung. Dazu gehört aber, sich mit den Regeln zu befassen und sich im Kontext mit den Regeln beim Kommunizieren, am Podium, beim Interview kritisch zu betrachten. Suchen Sie sich dazu einen Coach, mit dem Sie gerne arbeiten und zu dem Sie Vertrauen aufbauen. Sie werden sehen, dass der regelmäßige kritische und zugleich wertschätzende Blick auf sich selbst, kombiniert mit den Tools, die Spaß machen, genau das erreicht, was man meint mit „authentisch sein“: Jemand der echt wirkt, weil er für sich selbst erkannt hat, was für ihn echt ist. Und dadurch nicht inszeniert wirkt. Das heißt nicht, dass er nicht inszeniert!

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2018-11-11T07:00:35+00:00

Georg Wawschinek

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