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Interviewtraining: Die Schuld der Journalisten

In habe in 15 Jahren als Medientrainer in 2.500 Trainings 10.000 Menschen trainiert. Und ich glaube, dass das Interviewtraining irgendwann in die falsche Richtung abgebogen ist. Jetzt kommt es wieder „back on track“ – und ich freue mich, dazu beizutragen.
Dies ist mein Aufruf an die Journalisten, nicht gleich wieder alles kaputt zu machen.

Manipulation durch den Schnitt

Der Grund für den falschen Weg war nachvollziehbar. Wenn jemand in einem geschnittenen, zitierten Interview (und das sind nun mal 98% aller Interviews) eine Frage gestellt bekommt, die da lautet: „Verstehen Sie, dass sich die Menschen über den Ausfall Ihres Produktes ärgern?“. Und der Interviewte sagt: „Natürlich verstehe ich das. Ich kann Ihnen aber versichern, dass wir jeglichen Schaden ersetzen und dafür sorgen, dass dieser Fehler nicht mehr vorkommt. Es tut uns von Herzen leid!“ Dann war in der Regel folgendes on air. Text Journalist: „Beim Hersteller des Produktes versteht man, dass die Kunden nun in Scharen davonlaufen und verärgert sind.“ Zitat Sprecher: „Natürlich verstehe ich das“. Ende. Wer Glück hatte, war vielleicht noch mit „Es tut uns Leid“ zitiert. Das Zitat zu senden, dass eigentlich nix passiert ist, war schon die Ausnahme.

Und genau diese Frage bekommt man dann als Medientrainer ziemlich genau 10.000 Mal gestellt: Wie kann ich mich dagegen schützen? Die einzige, denklogische Antwort aus der Konsequenz des bearbeiteten Interviews: Sagen Sie es nicht. Denn nur was Sie sagen, kann auch gesendet werden. Und was Sie nicht sagen, nicht. Das ist furchtbar simpel. Die Konsequenz: Interviewpartner steigen auf diese emotionale Seite nicht mehr ein – weil sie zu oft damit missbraucht wurden.

Die Alleswisser

Aber auch im Live Interview wird oft genug mit Untergriffen, Unterstellung und kaum zu ertragender journalistischer Rechthaberei gearbeitet – man hat zu oft das Gefühl, Journalisten würden, wären Sie nur Weltherrscher, die Problemlöser für alles sein. Sie wissen nämlich alles besser. Sie führen Politiker gleichermaßen vor wie Unternehmenssprecher und Experten. Nur dass Sie mich nicht falsch verstehen: Es ist unabdingbar, kritisch zu hinterfragen und eine heilige Pflicht, der Wahrheit auf der Spur zu sein und die Lüge aufzudecken. Ich sage auch meinen Kunden: „Lügen Sie nie!“. Aber man könnte auch wieder echte Fragen stellen, etwas erklären lassen und eine Meinung gelten lassen. Wir Zuseher glauben nicht, dass Journalisten die Weisheit mit dem ganz großen Löffel zu sich nehmen.

Dass nun oft der Vorwurf kommt, Interviewpartner würden nur mauern und nichts Emotionales zeigen, darf nicht verwundern. Dazu haben viele, viele Journalisten beigetragen. Ich lege auf die emotionale, die echte, die aufrichtige Komponente in meinem Interviewtraining viel Wert, weil ich glaube, dass die Zeit dafür reif ist. Die Menschen haben Glattheit, Unaufrichtigkeit und technisch leere Roboter satt. Ich fordere und fördere den Mut zur eigenen These zu stehen und sie nachvollziehbar zu erklären.
Die Echtheit wird aber auf Dauer nur eine Chance haben, wenn auch die Journalisten mitmachen. Sonst haben sie sich vorzuwerfen, dass sie nicht für die Wahrheit sondern für die Vertuschung gearbeitet haben.

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